Berlin
bekommt am Freitag einen neuen Hauptbahnhof, und es gibt keinen triftigen Grund,
dem final versifften Bahnhof Zoo eine Träne nachzuweinen. Dennoch ist der neue
Eisenbahntempel ein Lehrstück dafür, weshalb es nicht gelingen will, Berlin auch
zu einer Hauptstadt der Architektur zu machen.
Die Planung beginnt meist mit einer ordentlichen Portion Größenwahn.
Natürlich mußte es der gewaltigste und prächtigste Bahnhof seiner Art in Europa
werden. Nach Baubeginn wird dann regelmäßig das Geld knapp. Die Politik - in
diesem Fall der Bahn-Chef persönlich - legt Hand an. Um ganze 130 Meter ließ er
das elegant ausschwingende Dach kappen. Dritte Stufe: Der Pfusch des Dilettanten
Mehdorn spart keinen Euro, sondern verursacht Zusatzkosten durch komplizierte
Umplanung.
Statt
eines neuen Wahrzeichens wird nun ein Contergan-Bau eröffnet, der jedem Gefühl
für Proportion und Eleganz spottet.
Nicht nur am Bahnhof hat Berlin die Jahrhundertchance verpaßt, zu Paris
oder New York aufzuschließen. Größenwahn und Geld allein reichen dazu nicht aus.
Man muß den Architekten Freiheit geben, sonst schaffen auch die besten der Welt
nur mittelmäßige Investorenklötze. Ein anderes Beispiel ist das sogenannte Band
des Bundes, ein mehrere hundert Meter langer Betonriegel. Er überspringt die
Spree, tackert Ost und West mit der größten Heftklammer der Welt zusammen. Der
unförmige Kanzleramtskasten sollte mit den Bundestagsbauten verbunden werden.
Nur leider wurde es so nicht realisiert. Eine endlos breite, zugige Schneise
teilt das Band, weshalb an der Schnittstelle der Beton des Kanzleramts schon
jetzt aussieht wie Platte kurz vor dem Abriß. Die Schneise weitet sich zu
wüstenähnlichem Brachland, an dessen Horizont der neue Bahnhof auftaucht wie
eine Fata Morgana. Soll man sich damit trösten, daß das Unfertige nun einmal zu
Berlin gehört wie die Spree?
Für das Geld, das beim Bau der unsinnigen U-Bahn-Strecke zwischen
Brandenburger Tor und Kanzleramt im märkischen Sand vergraben wird, hätte die
Lücke im Band mit Bauten für die Bürger geschlossen werden können.
Al Gore ist wieder da, so dick und grün wie Joschka Fischer in seinen
besten Tagen. Wenn in den USA die Wahlstimmen regulär gezählt worden wären, säße
Gore heute vermutlich als Präsident im Weißen Haus statt als missionarischer
Dokumentarfilmer gegen den Klimawandel im Festivalpalast von Cannes. Vermutlich
sähe die Welt anders aus: kein Irak-Krieg ums Öl, aber sparsamere Verwendung von
Öl. Wenn, wenn, wenn ... Im Weißen Haus wäre Al Gore vielleicht ein ganz anderer
geworden. Und wenn Gerhard Schröder nicht bei Gazprom wäre, sondern seinen Job
als Bundeskanzler gemacht hätte, würde jetzt der Bundestagswahlkampf beginnen.
Wahrscheinlich wäre dann Frau Merkel immer noch eine Reformpolitikerin.
Der Autor leitet das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" und schrieb Romane und
Sachbücher
Artikel erschienen am Mi,
24. Mai 2006 in „Die Welt“,
www.welt.de