Das Unfertige gehört zu Berlin wie die Spree

Keine Tränen für den versifften Bahnhof Zoo - Mehdorns Eisenbahntempel - Gigantomanie ohne Größe

von Wolfgang Herles

Berlin bekommt am Freitag einen neuen Hauptbahnhof, und es gibt keinen triftigen Grund, dem final versifften Bahnhof Zoo eine Träne nachzuweinen. Dennoch ist der neue Eisenbahntempel ein Lehrstück dafür, weshalb es nicht gelingen will, Berlin auch zu einer Hauptstadt der Architektur zu machen.

Die Planung beginnt meist mit einer ordentlichen Portion Größenwahn. Natürlich mußte es der gewaltigste und prächtigste Bahnhof seiner Art in Europa werden. Nach Baubeginn wird dann regelmäßig das Geld knapp. Die Politik - in diesem Fall der Bahn-Chef persönlich - legt Hand an. Um ganze 130 Meter ließ er das elegant ausschwingende Dach kappen. Dritte Stufe: Der Pfusch des Dilettanten Mehdorn spart keinen Euro, sondern verursacht Zusatzkosten durch komplizierte Umplanung.
Statt eines neuen Wahrzeichens wird nun ein Contergan-Bau eröffnet, der jedem Gefühl für Proportion und Eleganz spottet.

Nicht nur am Bahnhof hat Berlin die Jahrhundertchance verpaßt, zu Paris oder New York aufzuschließen. Größenwahn und Geld allein reichen dazu nicht aus. Man muß den Architekten Freiheit geben, sonst schaffen auch die besten der Welt nur mittelmäßige Investorenklötze. Ein anderes Beispiel ist das sogenannte Band des Bundes, ein mehrere hundert Meter langer Betonriegel. Er überspringt die Spree, tackert Ost und West mit der größten Heftklammer der Welt zusammen. Der unförmige Kanzleramtskasten sollte mit den Bundestagsbauten verbunden werden. Nur leider wurde es so nicht realisiert. Eine endlos breite, zugige Schneise teilt das Band, weshalb an der Schnittstelle der Beton des Kanzleramts schon jetzt aussieht wie Platte kurz vor dem Abriß. Die Schneise weitet sich zu wüstenähnlichem Brachland, an dessen Horizont der neue Bahnhof auftaucht wie eine Fata Morgana. Soll man sich damit trösten, daß das Unfertige nun einmal zu Berlin gehört wie die Spree?

Für das Geld, das beim Bau der unsinnigen U-Bahn-Strecke zwischen Brandenburger Tor und Kanzleramt im märkischen Sand vergraben wird, hätte die Lücke im Band mit Bauten für die Bürger geschlossen werden können.

Al Gore ist wieder da, so dick und grün wie Joschka Fischer in seinen besten Tagen. Wenn in den USA die Wahlstimmen regulär gezählt worden wären, säße Gore heute vermutlich als Präsident im Weißen Haus statt als missionarischer Dokumentarfilmer gegen den Klimawandel im Festivalpalast von Cannes. Vermutlich sähe die Welt anders aus: kein Irak-Krieg ums Öl, aber sparsamere Verwendung von Öl. Wenn, wenn, wenn ... Im Weißen Haus wäre Al Gore vielleicht ein ganz anderer geworden. Und wenn Gerhard Schröder nicht bei Gazprom wäre, sondern seinen Job als Bundeskanzler gemacht hätte, würde jetzt der Bundestagswahlkampf beginnen. Wahrscheinlich wäre dann Frau Merkel immer noch eine Reformpolitikerin.

Der Autor leitet das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" und schrieb Romane und Sachbücher

Artikel erschienen am Mi, 24. Mai 2006 in „Die Welt“,
www.welt.de