Bettina händelt ihren Aaron mit den Füßen

BEHINDERTENREITEN: Die armlose Eistel hat sich nie als unvollständig empfunden

 

Bettina Eistel krault ihren Jack-Russel-Terrier Ando hinter den Ohren, holt ihr Handy aus der Tasche und liest die SMS ihrer Schwester, zündet sich eine Zigarette an und hält sie lässig zwischen dem großen und dem Zeigezeh. Zur Begrüßung streckt sie dem Ankömmling höflich den Fuß entgegen. Im ersten Moment ist man irritiert, denn eigentlich merkt man nicht, das Bettina Eistel alles mit den Füßen macht, da sie eben keine Hände hat.

"Contergan", meint sie, aber das ist eigentlich schon lange kein wirkliches Thema mehr für sie. Als Kind und in der Pubertät hat sie noch mit ihrer Behinderung gehadert, aber mittlerweile meint die Psychotherapeutin aus Hamburg, die am 7. Mai 44 Jahre alt wurde: "Ich habe mich nie als unvollständig erlebt." Die Selbstverständlichkeit, mit der sie durchs Leben geht, spiegelt sich in einer Episode bei McDonalds wider: "Ich habe wie immer mit den Füßen gegessen. Das sah der Chef dort und winkte einem Hiwi, der gerade den Boden wischte, er solle da mal für Ordnung sorgen. Der schwang sich den Feudel wie ein Oberkellner über den Unterarm und meinte so aus Witz: ,Wir sind ein ehrenwertes Haus mit einer langen Tradition. Hätte Sie wohl die Güte mit den Händen zu essen?' Hätte ich, wenn ich welche hätte", gab Bettina Eistel direkt zurück: "Es war ihm dann furchtbar peinlich."

Wenn man sieht, wie ihr Pferd Aaron sich präsentiert, kann man es auch zunächst kaum fassen, dass sie mit den Armen keine Zügelhilfen geben kann: Eistel hält die Kandarenzügel für die Versammlung im Mund, die Trensenzügel, mit denen Stellung und Biegung erreicht werden, sind an den Steigbügeln befestigt. Doch sie muss mit den Beinen ja nicht nur die Richtung bestimmen, sondern auch treiben, Galopphilfen geben oder Traversalen einleiten: "Ich habe Zehensocken an und kann etwa sieben, acht Zentimeter nach hinten aus dem Steigbügel gehen, um die einzelnen Hilfen zu geben. Die Hilfen müssen ganz genau sein und Aaron so sensibel, dass er versteht, was ich meine."

Die feine Verständigung zwischen Pferd und Reiter sei auch die große Stärke, die die behinderten Reiter hätten: "Wir reiten nicht so feinsinnig, weil wir so tolle Leute sind, sondern aus Notwendigkeit. Viele denken, die Pferde sind so sensibel, weil sie merken, dass wir behindert sind, aber das ist Quatsch. Die Pferde reagieren auf feinsinniges Lob, weil wir aus dieser Behinderung, aus dieser eigentlichen Schwäche, eine andere Stärke entwickeln."

Doch auch Bettina Eistel muss sich mit ganz normalen Problemen herumschlagen. Denn während sie auf ihre Prüfung im Grade III wartet, ist sie ziemlich aufgeregt: "Es geht ja um so viel: Ungarn oder nicht Ungarn." Denn das Maimarkt-Turnier, das für die Behindertenreiter in diesem Jahr international ausgeschrieben ist, ist Sichtung für die Europameisterschaft."

Auf ihr Pferd kann sie sich verlassen: "Ich liebe den Aaron. Es ist sehr explosiv, aber auch sehr diszipliniert. Vom Sattel aus ist er super zu händeln, äh, zu füßeln", verbessert sie sich feixend. Aber auch am Boden ist Bettina Eistel unabhängig: "Aaron lässt sich komplett mit den Füßen händeln." Sie trenst ihn selbst auf, sattelt einbeinig auf einem Hocker stehend, zieht den Sattelgurt mit den Zähnen an. "Unabhängigkeit ist meine stärkste Motivation. Ich kann stricken, malen - nur Klavier spielen kann ich nicht, da fehlt die Spannweite." Durch ihre Behinderung sei sie flexibel geworden: "Kraft führt oft dazu, unnachgiebig zu werden. Ich bin Fachfrau für kreative Lösungsmöglichkeiten. Ich gehe nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern eben auch drei Mal um die Ecke. aus

MannheimerMorgen, 10. Mai 2005