Vom VW-Käfer in die S-Klasse aufgestiegen: Moderne Prothesen setzen auf Technik

Ein Blick hinter die Kulissen der Werkstatt an der Orthopädischen Uniklinik in Schlierbach zeigt die rasante Entwicklung bei Hilfsmitteln aller Art

Von unserer Mitarbeiterin Birgit Seitz

Stelzbeine aus Holz, Armprothesen mit Metallhaken - lange vorbei sind die Zeiten, als orthopädietechnische Hilfsmittel in Deutschland noch so aussahen, wie die meisten sie wohl nur noch aus Spielfilmen kennen. Heute sorgen moderne Materialien wie Aluminiumlegierungen, Kohlefaser oder Polyethylen dafür, dass Prothesen nicht nur immer häufiger erst auf den zweiten Blick erkannt, sondern vor allen Dingen immer praktischer und komfortabler für den Patienten werden.

Orthopädie-Techniker wie Alfons Fuchs und seine Mitarbeiter sind es, die versuchen, den Patienten das Tragen orthopädietechnischer Hilfsmittel so angenehm und hilfreich wie möglich zu gestalten - auch mit Hilfe neuester Hightech: "Die Technik einer Prothese aus den 60er Jahren lässt sich am ehesten mit der in einem VW-Käfer vergleichen, während sie heute auf dem Stand von Mercedes-S-Klasse-Wagen ist", erläutert Fuchs, seit über zehn Jahren Leiter der 1919 gegründeten Werkstatt an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg-Schlierbach.

Hier versorgen 60 Mitarbeiter rund 7000 Patienten im Jahr - und die kommen aus aller Welt: von Hamburg bis Indien und Saudi-Arabien. Einer der bekanntesten kommt aus Polen: Der 12-jährige Pjotr, der ohne Arme und Beine geboren wurde, ist seit Jahren regelmäßiger Gast in Schlierbach. Zu den Aufgaben der Werkstattmitarbeiter zählt die Herstellung von Bein- und Armprothesen, Miedern, Korsetten und Stützapparaten (so genannte Orthesen). Die Orthopädische Werkstatt wurde vor allem in den 60er Jahren weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannt, als Professor Ernst Marquardt an der Schlierbacher Klinik ein Zentrum für die Behandlung der Contergan-Patienten gründete, die oft auf orthopädietechnische Hilfsmittel angewiesen waren. Dabei legte Marquardt großen Wert auf die enge Zusammenarbeit von Medizinern, Technikern und Physiotherapeuten. Aus dieser Zeit stammen einige wissenschaftliche Erkenntnisse, die weitere Entwicklungen maßgeblich beeinflussten.

Früher wurden alle Teile orthopädietechnischer Hilfsmittel in Handarbeit hergestellt. Dafür waren die Gelenke auch meist einfache Scharniere. Heute versorgt eine hoch spezialisierte Industrie die Orthopädietechnik mit ausgeklügelten, teils computergesteuerten Gelenkteilen und Füßen, die dann in einer Beinprothese oder Orthese verwendet werden. Obwohl weitgehend die Industrie die Entwicklungsarbeit in dieser Branche übernommen hat, ist die Orthopädische Werkstatt aufgrund ihrer besonderen Stellung an einer Klinik auch heute noch gelegentlich an Forschungsprojekten beteiligt: So haben die Mitarbeiter zusammen mit dem Karlsruher Forschungszentrum die "Fluid Hand" entwickelt, mit deren Hilfe Patienten künftig in der Lage sein sollen, noch natürlichere Greifbewegungen durchzuführen.

Ein bereits abgeschlossenes Projekt ist die "Gelenk-Lehre", mittels derer das Anbringen von Knie-Gelenk-Orthesen vereinfacht werden soll. Die Idee dazu hatte Alfons Fuchs, umgesetzt wurde es am Fraunhofer Institut in Stuttgart. Und für die isländische Weltmarktfirma Össur erstellt die Werkstatt in Zusammenarbeit mit dem Ganglabor der Klinik derzeit eine vergleichende Studie über deren neu entwickelten Karbon-Feder-Fuß für Kinder.

MannheimerMorgen, 08. Juni 2005