Von der Horrorpille zum Wundermedikament

Der gefürchtete Contergan-Wirkstoff Thalidomid verlängert das Leben von Krebs-, Aids- und Lepra-Patienten

Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein

Heidelberg/Allmendingen. Sie hatten verkümmerte Arme, Beine oder Organe. Viele mussten sterben, viele leben mit schweren Behinderungen. Über 40 Jahre ist es her, dass der Contergan-Skandal Deutschland und die Welt erschütterte. Rund 10 000 Kinder kamen damals missgebildet auf die Welt - ihre Mütter hatten in der Schwangerschaft vermeintlich harmlose Schlafpillen eingenommen. Contergan wurde daraufhin vom Markt genommen. Doch inzwischen erlebt das einstige Horrormittel eine Renaissance. Bei schwer kranken Patienten wirkt es nicht nur lebensverlängernd, sondern lindert auch starke Schmerzen.

Gegen Leiden wie Lepra, Krebs, Tuberkulose, Erblindung, Mundgeschwüre im Spätstadium von Aids und sogar gegen Komplikationen nach Transplantationen wird der Contergan-Wirkstoff Thalidomid inzwischen erprobt oder bereits regulär verordnet. Auch am Heidelberger Universitätsklinikum finden Therapiestudien statt. 440 Patienten haben bislang daran teilgenommen, sie alle sind am multiplen Myelom erkrankt, einer häufigen Form des Blutkrebses. Die Ergebnisse der Behandlung sind hervorragend. "Die Wirksamkeit des Medikaments hat sich bestätigt", freut sich der verantwortliche Onkologe, Professor Hartmut Goldschmidt. Wenn die Patienten durch Thalidomid auch nicht geheilt werden, verlängert es doch deutlich ihr Leben. In Australien ist der Wirkstoff inzwischen sogar offiziell zur Behandlung des multiplen Myeloms zugelassen.

Trotz aller Erfolge bleibt ein fader Beigeschmack. Schließlich schädigt Thalidomid noch immer Ungeborene. Pikanterweise ist es gerade die Eigenschaft des Contergan-Wirkstoffes, die höchstwahrscheinlich für die Behinderungen verantwortlich ist, die nun Patienten helfen soll. Denn Thalidomid hemmt die Bildung von neuen Blutgefäßen - beim Embryo fatal, beim Krebspatienten erwünscht. Und noch etwas macht das Medikament unheimlich: Auf welche Art und Weise es im menschlichen Körper wirkt, ist trotz intensiver, jahrzehntelanger Forschung noch immer nicht bekannt.

Die größte Sorge von Medizinern sowie Contergan-Geschädigten ist, dass der Wirkstoff in falsche Hände gerät. Margit Hudelmaier, Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter in Allmendingen, beispielsweise ist nicht generell gegen den Thalidomid-Einsatz. "Wir haben Verständnis für die Patienten, die es brauchen." Hudelmaier fordert aber größtmögliche Kontrolle. "Schließlich wissen wir, was dieses Mittel anrichten kann. Wir sind die lebendigen und leibhaftigen Mahnmale, die daran erinnern."

Die Sorge scheint nicht aus der Luft gegriffen, wie das Beispiel Brasilien zeigt. Dort wird das Medikament in der Behandlung von Lepra-Kranken eingesetzt. Immer wieder nahmen auch schwangere Frauen, meist Analphabetinnen, das Mittel - mit den bekannten Folgen. 60 durch Thalidomid missgebildete Kinder wurden registriert. Schätzungen zufolge sind sogar rund 500 Mädchen und Jungen betroffen.

Selbst in den USA kamen vereinzelt behinderte Kinder zur Welt. Dort hat die Arzneimittelaufsichtsbehörde inzwischen strenge Richtlinien für die Vergabe angeordnet. Frauen im gebärfähigen Alter müssen sich vertraglich dazu verpflichten, mindestens zwei Verhütungsmittel zu verwenden. Die gleiche Regelung gilt auch in Heidelberg - für Frauen wie Männer. Denn noch ist nicht klar, ob der Wirkstoff auch im Sperma gefährliche Rückstände bilden kann. Eine Wiederholung, und sollte sie auch einmalig sein, will hier niemand riskieren.

MannheimerMorgen, 07. Juli 2005