Ein Wochenende mit lieben netten Menschen.

 

Nun ist es das zweite Mal, dass ich mit Karin ein gemeinschaftliches Wochenende mit sehr lieben Menschen verbringe.

Wir war es doch vor gut einem Jahr?

 

Nach vielen Jahren einer guten Ehe fühlte ich mich einsam. Etwas fehlte. Wo waren die gemeinsamen Unternehmungen. Sie fuhr im Urlaub in den Osten und ich in den warmen Süden. Sie saß an vielen Abenden vor dem PC und ich las ein Buch. Die Schere unserer Gemeinsamkeiten ging immer weiter auseinander.

 

Ich begann einen lieben Menschen in den modernen Medien zu suchen. Einen Menschen, mit dem man sich über neue unbekannte Dinge austauschen konnte. Viele suchen doch nur wenige finden hier das Richtige.

 

Eine Frau mit einer Conterganbehinderung suchte einen Mailpartner. Vielleicht sind diese Menschen durch ihre Behinderung ein wenig sensibler. Ein wenig ansprechbarer auf die schönen Dinge dieses Lebens. Meine Zeilen wurden zu meiner Freude beantwortet.Sehr schnell wuchs die Zahl der Mails, die in den langen Leitungen zwischen dem Schwarzwald und dem Bergischen Land hin und her geschickt wurden. Schnell wurde uns gegenseitig bewusst, dass hier am anderen Ende ein lieber Mensch mit sehr viel Herz weilte.

 

Die Zeilen wurden liebevoller, vertrauter und das Verlangen diesen Menschen einmal persönlich gegenüber zu stehen entstand.

Ich hatte mir schon beim ersten Mailkontakt ein Bild über eine etwaige Behinderung vorgestellt. Es war mir da noch nicht wichtig. Sollte es doch nur eine Mailbekanntschaft sein.

 

Hier war das Äußere nun völlig unwichtig. Ich hatte aus Erinnerungen noch die Bilder der Contergankinder in den sechziger Jahren im Kopf. Auch Heute sah ich noch hier und da einen Menschen mit verkürzten Armen und ich wusste, dass diese Kinder mittlerweile auch gestandene Menschen geworden waren. Auf die vorsichtige Frage, welche Art von Behinderung sie hätte teilte sie mir mit, dass sie durch ihre Conterganschädigung keine Arme besitzt.

 

Es rührte mich schon sehr heftig, dass Ihre Behinderung doch so stark war. Viele Dinge gingen mir durch den Kopf. Wie mag sie ihren täglichen Bedürfnissen gerecht werden.

Wie kommt sie mit anderen Menschen zurecht, die keine Behinderung haben.

Ich wollte sie sehen, sie kennen lernen. Dabei hatte ich mir schon vorgestellt, wie ich ihr vielleicht helfen würde. Ob sie eine Hilfe ablehnt, oder es gar lästig findet.

Der Tag war gekommen.

Vier Stunden musste ich fahren. Vier Stunden hatte ich nun Zeit, mir noch einmal intensiv vorzustellen, was da auf mich zukommen wird.

Ich habe mit vielen Menschen zu tun, aber hier kam zu guter letzt das bekannte Herzklopfen vor dem Ungewissen. Ich war vor ihr am verabredeten Treffpunkt angekommen. Wie ein kleiner Junge fuhr ich auf dem Parkplatz auf und ab.

 

Da kam sie. Langsam fuhr der dunkle Golf auf mich zu und hielt am Rande einer Parkbucht. Kurz entschlossen stieg ich aus meinen Wagen und ging auf ihr Auto zu. Eine kleine Frau mit einen sehr lieben Gesicht stieg aus und blieb neben der Autotür stehen.

Die kleinen leeren Ärmelchen ihres T-shirt baumelten neben ihren schmalen Schultern.

 

Mit einen Hallo begrüßte ich sie und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf ihre von Schweißperlen bedeckte Stirn. Für einen Moment standen wir uns gegenüber und schauten uns in die Augen. Wir besprachen, ein Cafe oder Restaurant aufzusuchen um dort ein wenig zu plaudern.

 

Als ich wenige Momente später in meinem Auto hinter ihr her fuhr, lief mir ein wohltuender Schauer über den Rücken. Ich dachte nicht mehr über die Befürchtungen über meinen ersten Kontakt mit einem behinderten Menschen. Hier war ein Funke übergesprungen. Etwas, was mir weiche Knie bereitete. War das die Liebe auf den ersten Blick? Bei unseren gemeinsamen Stunden beobachtete ich sie genau und wusste sofort, wie ich ihr ohne fragende Worte zur Hilfe stehen konnte. Wir waren Beide über das perfekte Zusammelspiel verblüfft. Ein eingespieltes Team vom ersten Moment an. Hatte da etwas Höheres seine Finger im Spiel gehabt?

 

Nun wohne ich mit ihr und ihrer kleinen Tochter seit über einen Jahr in einer schönen Wohnung.

Was sich geändert hat? Wir haben uns noch intensiver kennen gelernt. Haben noch näher zueinander gefunden.

 

Meine Hilfe zu ihr hat mich viel näher gebracht als es in einer Ehe mit einen Nichtbehinderten gebracht hätte. Da ist viel mehr, viel Schöneres und viel Intensiveres, als ich je erwartet hätte. Bei unserem gemeinsamen Treffen mit anderen Conterganbehinderten, habe ich auch feststellen müssen, dass behinderte Menschen viel intensiver ihr Leben mit viel Freude und Lachen genießen. Hier ist nichts von Überheblichkeit Arroganz und Oberflächlichkeit zu spüren. Hier stehen noch die Herzlichkeit und der Respekt vor dem Gegenüber im Vordergrund. Hier fühle ich mich wohl. Hier möchte ich verweilen.

 

Ich freue mich schon auf die nächste Veranstaltung und werde von meiner Seite das Beste geben um in dieser Gruppe lieber Menschen dazu zugehören.

Was meine liebe Partnerin angeht, klingen die Worte (Ihr müsst sie mal mit meinen Augen sehen) im Kopf.

 

08.11.04, M. O.