Ärzte sprechen von einer Katastrophe

von Dietrich Beyersdorff

Die Aktion Anonym hat die Herzen der BILD-Leser geöffnet. BILD erfuhr von Nöten und Sorgen, mit denen sich kaum jemand an die Öffentlichkeit wagt. So erfuhren wir auch dies: Viele Eltern hat das Schicksal besonders schwer getroffen! Mütter haben Kinder geboren, die für das ganze Leben gezeichnet sind. „Contergan-Babys“, so werden sie genannt.
Als BILD diese Briefe bekam, immer häufiger bekam, von Eltern, die ihren Namen nannten, die aber ihre Anonymität gewahrt wissen wollten, da glaubten wir nicht mehr an die Versicherung: „Es sind nur Einzelfälle!“
Was wir erfuhren, ist so erschütternd, dass BILD nicht mehr schweigen kann: Etwa 3000 Contergan-Kinder sind nach Schätzungen von Professor Lenz in den letzten Jahren in der Bundesrepublik geboren worden. Ärzte sprechen von einer Katastrophe!
Der Hamburger Kinderarzt Professor Widukind Lenz hat seine Untersuchungen so gut wie abgeschlossen. „Meine Schätzung von 3 000 missgebildeten Babys ist nach den mir vorliegenden Zahlen eher zu niedrig“, sagt der Arzt. „Für mich gibt es keinen Zweifel, dass die Verstümmelungen durch Contergan entstanden sind.“
Es ist ein so katastrophaler, noch nicht absehbarer Schaden entstanden, dass er einen echten Katastrophen-Dienst erfordert“, sagt Professor O. Hepp, Direktor der orthopädischen Universitätsklinik in Münster.
Nicht  alle sprechen so offen. Seit sich die erste Aufregung über die Contergan-Fälle gelegt hatte, ist es merkwürdig stell geworden. „Auch verwundert es, wie zaghaft die Sache behandelt wird. Keiner scheint dem anderen wehe tun zu wollen“, meint Professor Lenz, der vor fünf Monaten den ersten Verdacht geäußert hatte.

Sofort helfen!

Den Ärzten geht es wie uns nicht so sehr darum, einen Schuldigen zu finden. Auch wenn sich nach Abschluss der Untersuchungen herausstellen sollte, dass die Zahl der geschädigten Kinder zu hoch oder zu niedrig geschätzt wurde, dass andere chemische Giftstoffe mitwirkten. Den Kindern muss sofort geholfen werden!
Wir haben die Briefe gelesen, wir haben Babys gesehen. Aufgeweckte, liebenswerte Geschöpfe sind es meist. Hilflos liegen sie in den Kliniken, zu Hause in den Kinderbettchen.
-          Allein aus Nordrhein-Westfalen meldeten sich 1 800 Mütter bei der Contergan-Kommission. Im Sommer soll die Untersuchung abgeschlossen sein.
-          Über 200 Kinder untersuchte Professor Lenz in Hamburg.
-          Professor Hepp kommt nach der Begutachtung von 148 Babys in Münster zu dem Schluss: „Die Vermutung, dass eine oder mehrere Arzneien diese Missbildungen verursacht haben, ist wahrscheinlich richtig.“
Ein Trost für die Mütter ist es: Sie können nach den bisherigen Untersuchungen später wieder ganz gesunde Kinder bekommen.
Professor Lenz stellte fest, dass eine Schädigung des keimenden Lebens nur dann eintrat, wenn das umstrittene Schlafmittel zwischen dem 27. und 40. Tag nach der Empfängnis genommen wurde. Die mütterlichen Organe werden nicht geschädigt.
Und es sind nicht nur die Babys! Tausende von Erwachsenen haben vermutlich nach dem Gebrauch von Contergan schwere, kaum heilbare Nervenschäden zurückbehalten.
Wie konnte das geschehen? Konnte dies Leid von vielen Kindern, Müttern und Vätern nicht früher abgewendet werden?
Der Frankfurter Nervenarzt Dr. Frenkel: „Ja.“ Er hat mehr als 1 000 Mitglieder in der „Interessengemeinschaft der Contergan-Geschädigten“ gesammelt (Anschrift: Frankfurt, Falkensteiner Str. 70).

Zu lange gewartet. 

Dr. Frenkel beschuldigt die Hersteller-Firma, dass sie die Tabletten nicht rechtzeitig aus dem Handel gezogen habe. Der Arzt hat, wie er glaubt, stichhaltige Beweise dafür.
-          Schon 1959 und 1960 seien der Firma die ersten Fälle von Nervenschädigungen bekannt geworden. Die Firma gibt zu, dass an einige dieser Geschädigten „juristisch verklausulierte“ Ersatzleistungen in Höhe von 5 000 DM und mehr gezahlt würden.
-          Erst als im Frühjahr 1961 auf Kongressen und in Ärztezeitschriften auf die möglichen Contergan-Folgen hingewiesen wurde, habe die Firma die Rezeptpflicht beantragt.
-          Die praktischen Ärzte seinen jedoch nur unzureichend aufgeklärt worden. Durch eine geschickte Propaganda seien die Verkaufszahlen für Contergan sogar bis zum November noch gesteigert worden.
-          Erst als Professor Lenz im November 1961 den Verdacht der Missbildungen äußerte, wurde das Medikament zurückgezogen. Einzelne Bundesländer hatten bis dahin noch nicht einmal die Rezeptpflicht verkündet.
„Bevor die laufenden Untersuchungen nicht abgeschlossen sind, können wir nichts Bindendes erklären“, teilte ein Sprecher der Firma mit.
Auch die Bundesministerin für Gesundheit, Frau Dr. Schwarzhaupt, legte sich noch nicht fest. Sie deutete nur an, dass der Staat mit Fürsorgeleistungen eingreifen müsse, falls die Herstellerfirma nicht wegen Fahrlässigkeit schadensersatzpflichtig gemacht werden könne. 

BILD meint:

Wir  können nicht so lange warten, bis die Klärung der Schuldfrage durch alle Gerichtsinstanzen geschleppt wird. Das kann Jahre dauern. Den 3 000 Kindern muss sofort geholfen werden. Sie dürfen keine Almosenempfänger werden. Gerade sie haben ein Recht zum Leben, einen Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein.
BILD wird in einem zweiten Artikel auf die Möglichkeiten hinweisen, um die Zukunft dieser unschuldigen Geschöpfe zu sichern.
BILD aber fordert schon heute: Diese Kinder dürfen nicht zu Ausgestoßenen unserer Gesellschaft werden. Gerade ihnen gebührt unsere ganze Lieben, die vollkommene Fürsorge des Staates.

Kümmert Euch um die bedauernswerten Opfer!
Dies ist einer der Briefe, die BILD erhielt. ein Schicksal von vielen – ein „Contergan-Schicksal“ (anonym):
Liebes BILD!
Schreibt Eure Sorgen – schreibt Eure Wünsche! Diese Aufforderung in Ihrem aktuellen Blatt gibt mir Hoffnung und Mut, Sie mit unserem sehr, sehr harten Schicksal bekannt zu machen.
Nach fünfjähriger Ehe wurde uns am 19.01.1962 ein zweites Kind geboren. Mit wenigen Worten gesagt – es ist ohne Ärmchen auf die Welt gekommen.
Obwohl die ersten Tage für meine Frau und mich zu den schwersten unseres Lebens wurden, haben wir uns mittlerweile so weit gefunden, dass wir den festen Entschluss haben, in Demut und Liebe dieses schwere Los zu tragen. Wir haben die feste Zuversicht, dass uns Gott dabei helfen wird.
Die Frage nach dem Wie? Warum? und Wieso? hat uns anfänglich stark bewegt, und es steht wohl außer Zweifel, dass auch in unserem furchtbaren Schicksal das bekannte Mittel „Contergan“ seinen entsetzlichen Einfluss ausgeübt hat.
In den entscheidenden ersten Wochen der Frühschwangerschaft hat meine Frau als Beruhigungsmittel „Contergan-Forte“ genommen. Das Medikament war ärztlich verordnet.
Die Sorge um unser Kind, namentlich, wenn wir daran denken, wie es später einmal, wenn es die Eltern nicht mehr hat, mit dem Leben fertig werden soll, ist erdrückend.
Es liegt uns fern, aus der Tragödie Kapital zu schlagen, aber es sollte doch eine Moralische Verpflichtung für die Verantwortlichen sein, dass man sich um die bedauernswerten Opfer kümmert. Solange diese armen Geschöpfe in der elterlichen Obhut sind, die ganze Liebe der Eltern haben und eine treu sorgende, liebevolle Pflege genießen, geht es noch. Aber wie wird es später?

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