Contergan – Vergessen
können nur die Verschonten
1. Oktober 1957. Contergan forte kommt auf den Markt. Für 3,90 DM. 3,90 DM, die
jede schwangere Frau aus der Haushaltskasse nehmen würde, um endlich einmal
wieder eine ruhige Nacht zu erleben. 3,90 DM für 30 Tabletten, die als sicheres
Schlaf- und Beruhigungsmittel gelten, sind nur eine geringe Investition. 3,90 DM
aber sind ein hoher Preis für die 7000 geschädigten und schwer missgebildeten
Kinder, die allein in Deutschland zur Welt kommen. Von denen 4000 nicht
überlebten. Und 2500 heute noch unter uns sind. 2500 erwachsene Frauen und
Männer, die gelernt haben, ja, denen gar nichts anderes übrig blieb, als zu
lernen mit dem fatalen Fehler der Chemie Grünenthal GmbH zu leben.
4 Jahre hat es gedauert, bis man Contergan mit dem verhängnisvollen Wirkstoff
Thalidomid vom Markt genommen hat. 4 Jahre in denen pro Monat rund 20 Millionen
Pillen verkauft wurden. Das macht um die 3,1 Mio DM Gewinn pro Jahr. Und das
allein in Deutschland. Vertrieben wurde Contergan in ungefähr 60 Ländern
weltweit.
Insgesamt kann man also von Einnahmen in Milliardenhöhe sprechen. In welchem
Verhältnis stehen dazu 20 000 DM? Wieso gerade diese Summe? Das ist leicht zu
erklären. 20 000 DM hätte laut Spiegel ein Versuch an einer schwangeren
Menschenäffin gekostet. Und hätte man diese 20 000 DM darin investiert, dieser
Äffin während der gesamten Schwangerschaft Contergan zu verabreichen, hätte sie
höchstwahrscheinlich ein missgebildetes Junges zur Welt gebracht...
Mittlerweile ist es 46 Jahre her. Weder die jetzige, noch die vorhergehende
Generation können mit dem Begriff Contergan etwas anfangen. Und deswegen sind es
gerade diese jungen Menschen, die den Contergan - Geschädigten missbilligende
Blicke zuwerfen, wenn sie ihnen auf der Straße begegnen. Ist das moralisch
vertretbar? Das Unwissenheit und nicht ausreichende Informierung zu psychischer
Belastung und Taktlosigkeit wird?
„Contergan, Markenname eines Thalidomid-Schlafmittels der Chemie Grünenthal,
dessen Einnahme durch Schwangere in den 1960-er Jahren in Deutschland zahlr.
Embryonal-mißbildungen auslöste. Den geschädigten Kindern wurde in einem
aufsehenerregenden Prozeß Entschädigung durch die Herstellerfirma zugesprochen.“
So wird der ‚Contergan - Fall’ in einem Universal Lexikon abgehandelt. Es ist
von Entschädigung die Rede. Doch wo steht, dass diese Entschädigung maximal 545
Euro pro Monat beträgt. Für die, die von der Regierung als „schlimmste Fälle“
eingestuft wurden. Wussten Sie dass ein behindertengerechtes Auto im
Durchschnitt 35 000 Euro kostet? Soll ein Contergangeschädigter sein gesamtes
Geld – also einschließlich Sozialhilfe und ggf. andere Gelder – sparen, sich
weder Klamotten noch Essen kaufen, sich weigern die Miete zu zahlen, damit er
sich nach 5 Jahren ein Auto kaufen kann? Kann es das sein??
Manch einer mag die Übertreibung in meiner Wortwahl nicht gut heißen. Doch auch
ich heiße so einiges nicht gut. Und Fakt ist, dass es keine Rolle spielt, ob
sich ein Contergangeschädigter sein Auto nun in fünf Jahren oder in einem Jahr
leisten kann. Das ist es nicht, worauf ich hinaus will. Sondern das die
Behandlung zuweilen unzumutbar ist.
Viele Contergan – Geschädigte warten noch heute auf ihre Entschädigung. Wenn sie
sie nach 46 Jahren noch nicht bekommen haben.. wann denn dann???
In Anbetracht dessen, dass viele nicht einmal wissen, was Contergan bedeutet und
was sie sich darunter vorzustellen haben, möchte ich gerne auf die Art der
Missbildungen einmal genauer eingehen.
Der Wirkstoff Thalidomid beeinflusste die Missbildung je nach Zeitpunkt der
Einnahme, jedoch nur zwischen der dritten und sechsten Schwangerschaftswoche. In
dieser Zeit werden Ohren, sowie Arme und Beine gerade ausgebildet. Unter
Einwirkung des
Thalidomids allerdings war dies nicht vollständig möglich. Es kam also zu
Muskeldeffiziten, die sich weder feststellen, noch heilen ließen. Diese Form der
Fehlbildung nennt man Phokomelie (griech. Robbengliedrigkeit). Zu 53% sind bei
diesen Missbildungen die Arme betroffen, in 25% die Arme und Beine, in 11% die
Ohren, in 5% Arme und Ohren und in 2% innere Organe.
Die genaue Wirkweise des Thalidomids lässt sich nur chemisch erläutern, was den
Rahmen hier sprengen würde. Eine vereinfachte Erklärung möchte ich allerdings
liefern. Es gibt zwei Arten von Thalidomid - Molekülen. Diese verhalten sich
zueinander spiegelverkehrt. Das eine Molekül ist das ‚gute’, das nichts
anrichtet, das andere Molekül ist das ‚böse’, welches die Missbildung zu
verschulden hat. Es lässt sich allerdings nicht feststellen, welche Moleküle in
einem Vorgang reagieren werden, genausowenig kann man die beiden Moleküle des
Thalidomids trennen, da beide Bestandteil des Stoffes sind.
Dass die Chemie große Auswirkungen auf den Organismus hat, ist allgemein
bekannt. Dass schwangere Frauen nicht zu Medikamenten greifen sollten – und es
auch meistens nicht und nur nach langen Überlegungen tun - ist ebenfalls kein
Geheimnis. Doch dass man nicht einmal mehr der Medizin trauen kann, weil die
Profitorientierung und die Geldgier selbst diesen lebenswichtigen Bereich schon
in Beschlag genommen haben, ist erschreckend.
Es werden Tausende von missgebildeten Kindern in Kauf genommen, um Geld zu
machen. Es wird in Kauf genommen, Leben zu zerstören, durch Diskriminierung,
Degradation und Desintegration, nur um seine eigene Positition zu stärken und zu
festigen. Und man nimmt in Kauf einen Menschen lebenslang mit
Behandlungsmethoden zu quälen, die die Situation doch kaum verbessern können, um
ein Produkt auf den Markt zu bringen, das Erfolg verspricht..
Erfolg? Nicht für die Mütter, die ihr Leben damit zubringen werden, sich zu
fragen, warum sie diese Tabletten genommen haben, selbst wenn es – wie so oft –
nur eine einzige war. Nicht für die Ärzte, die sich Vorwürfe machen werden, dass
sie das Medikament vier Jahre lang verschrieben haben. Nicht für die
Geschädigten, die ein hartes Leben haben, nur weil eine Firma an den falschen
Enden gespart hat.
Rückgängig zu machen ist es nicht mehr. Wie sieht es in der Gegenwart aus? Mit
der Integration der Contergan – Geschädigten in die Gesellschaft? Dem Gefühl des
„Mensch - seins“? Würden Sie sich das nicht auch wünschen? Wollten Sie nicht
auch „ganz normal“ behandelt werden? Und das können wir alle vermitteln. Ist das
zuviel verlangt?
Doch die Gegenwart sieht auch anders aus...
Kann ein Medikament, dass Behinderungen solchen Grades hervorrief, gegen Lepra
helfen, wofür es in Brasilien eingesetzt wird? Oder verspricht es Erfolge in der
Aidsforschung, wie man in den USA glaubt? Deutschland hingegen baut auf die
Hilfe des Wirkstoffes bei Knochenkrebs. Ist das noch normal? Dieser eine
Wirkstoff, der soviel Leid hervor brachte.. auf einmal Wundermittel gegen die
schwersten Krankheiten?
Vielleicht sehe ich das zu engstirnig – Schimmelpilze führten zur Entwicklung
des Antibiotikums.
Aber jeder hat seine eigene Sicht und das ist meine!
Projektarbeit einer Schülerin aus der 11. Klasse eines Gymnasium bei München